Der Projektname „Domino Zirkular“ bezieht sich auf Le Corbusiers Maison Dom-ino, das Anfang des 20. Jahrhunderts als konstruktives Prinzip für ein flexibles und rationalisiertes Bauen entwickelt wurde. Das vorliegende Projekt versteht sich als Weiterentwicklung dieses Ansatzes unter den heutigen Anforderungen an Ressourcenschonung und Kreislauffähigkeit. Im Gegensatz zum linearen Materialeinsatz der Moderne wird ein Bauprinzip verfolgt, das auf Wiederverwendung, sortenreine Trennbarkeit und langfristige Materialkreisläufe ausgerichtet ist.
Mit dem Projekt „Domino Zirkular“ untersucht die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau (KHB), wie sich die Wiederverwendung von Materialien aus dem Rückbau, insbesondere Gebrauchtholz, systematisch in den Wohnungsbau integrieren lässt. Das Projekt thematisiert diese Fragestellung in unterschiedlichen Maßstäben: von der Entwicklung einzelner Bauteile im Masstab 1:1 und deren Zusammenführung zu einem konstruktiven System bis hin zu einem Gebäudekonzept für den mehrgeschossigen Wohnungsbau.
Die entwickelten Ansätze werden in einem Demonstrator praktisch erprobt. Geplant ist eine etwa 70 m² große Wohneinheit, die als temporäres Gebäude realisiert wird. Der Demonstrator dient dazu, die entwickelten Konstruktions- und Materialstrategien unter realen Bedingungen zu testen und ihre Übertragbarkeit auf größere Bauaufgaben zu untersuchen und eine Referenz zu schaffen.
Für den Bau des Demonstrators konnte die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbH (SWSG) als Partner gewonnenen werden. Domino Zirkular wird zum Teil der Internationalen Bauausstellung StadtRegion Stuttgart 2027 (IBA’27)
Das Projekt wurde über verschiedene Lehrveranstaltungen entwickelt. Im Sommersemester ’25 wurden in einem Masterentwurf Konzepte zu kreislauffähigem Wohnungsbau aus Gebrauchtholz entwickelt. Der Grundriss des Demontrators wurde dann in einem Stegreif weiterentwickelt.
Währenddessen wurden in einem Entwurf des 5. Semesters die „Elements of Domino Zirkular“ entwickelt: Die Studierenden entwickelten verschiedenen Hybridbauteile und Verbindungspunkte ausgehend von Materialien aus dem Rückbau und setzten diese in Form eines Mock-ups im 1:1 Maßstab um. Einige der im Entwurf entwickelten Ansätze sollen im kommenden Semester im Rahmen des Forschungsprojekts zu funktionierenden Bauteilen weiterentwickelt werden. Daraus entstehen Hybridbauteile, in denen ein heterogener Rest- und Gebrauchtholzbestand mit unterschiedlichen Qualitäten eingesetzt werden kann. Diese Bauteile werden im Demonstrator mit Bauteilen aus dem Rückbau, welche wieder in ihrer ursprünglichen Form eingesetzt werden, kombiniert. Der Fokus liegt dabei auf der Verwendung rein holzbasierter Verbindungen, die eine sortenreine Trennung und Wiederverwendung der Komponenten über mehrere Nutzungszyklen hinweg ermöglichen.
Domino Zirkular versteht sich damit als Verbindung von Forschung, Lehre und praktischer Umsetzung. Der Demonstrator fungiert nicht nur als Testfeld, sondern auch als gebaute Referenz. Er zeigt, wie Wiederverwendung im Bauwesen umgesetzt werden kann und welche Anforderungen sich daraus für Entwurf, Konstruktion und Bauprozess ergeben. Ziel ist es, auf dieser Grundlage Ansätze zu entwickeln, die sich auf zukünftige Projekte im Wohnungsbau übertragen lassen.
In diesem Kontext findet am 17. Juli 2026 das Symposium „Weiterbauen mit Altholz- Wertschöpfung durch Wiederverwendung“ statt mit spanneden Beiträgen zur Wiederverwendung von Holzbauteilen.
Um das Projekt mit Gebrauchtholz umsetzen zu können, wurde ein öffentlicher Spendenaufruf gestartet. Ziel war es, geeignete Spenderbauwerke zu identifizieren, aus denen Holzbauteile selektiv rückgebaut und für eine weitere Nutzung gesichert werden können. Ein erstes Spenderbauwerk konnte mit dem alten Rathaus in Rammersweier bei Offenburg gefunden werden. Gemeinsam mit Studierenden wurden dort Eichenbalken sorgfältig ausgebaut und für das Projekt gesichert. Der Rückbau lieferte nicht nur wertvolles Material, sondern bot auch erste praktische Erfahrungen im Umgang mit bestehenden Konstruktionen und deren Eigenschaften.
Ein anderes Bild zeigte sich bei einem Gebäude in Stuttgart-Botnang, dessen Dachstuhl im Zuge einer Aufstockung entfernt werden sollte. Bei der ersten Besichtigung schien das vorhandene Gebrauchtholz in gutem Zustand und grundsätzlich geeignet für eine Wiederverwendung. Erst bei genauerer Betrachtung wurde jedoch deutlich, dass Teile des Holzes mit Holzschutzmitteln behandelt worden waren. Dieser Fund machte deutlich, dass neben konstruktiven und materialtechnischen Fragen insbesondere die Bewertung von Schadstoffen eine zentrale Rolle für die Wiederverwendung spielt.
Ein weiterer nur teilweise erfolgreicher Rückbau ergab sich durch den Kontakt mit dem Architekten Peter Ceret, der auf drei Gebäude des Schaubauernhofs in der Stuttgarter Wilhelma aufmerksam machte, die zum Abbruch vorgesehen waren. In Abstimmung mit Bauherrschaft und Abbruchunternehmen wurden Möglichkeiten für einen schonenden Rückbau geprüft.
Zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme war eines der Gebäude bereits vollständig abgebrochen worden, wobei die Holzkonstruktion ohne Berücksichtigung einer möglichen Wiederverwendung zerstört wurde. Für das zweite Gebäude wurde mit dem Abbruchunternehmen ein schonender Rückbau der Holzdecke aus Furnierschichtholzträgern vereinbart. Dieser vermeintlich materialschonende Rückbau erfolgte jedoch mit dem Bagger, sodass keine der rückgebauten Komponenten wiederverwendbar war. Beim dritten Gebäude gelang es schließlich, gemeinsam mit dem Holzbauunternehmen von Tilman Bässler einzugreifen und Teile der Konstruktion zu sichern. Unter anderem konnten etwa 60 m. einer Holzdecke geborgen werden, die nun für die Wiederverwendung zur Verfügung stehen. Die Bauteile wurden in einer Werkstatt in der Hardeckstra.e eingelagert und bilden einen wesentlichen Bestandteil des Materialpools des Projekts.
Die bisherigen Erfahrungen aus diesen Rückbauprozessen zeigen sowohl das Potenzial als auch die Herausforderungen der Bauteilwiederverwendung. Insbesondere der Zeitpunkt der Einbindung, die Abstimmung mit beteiligten Akteuren sowie Fragen der Materialbewertung sind entscheidend für den Erfolg. Im Sommersemester 2026 wird eine Lehrveranstaltung durchgeführt, in der Studierende erneut Spenderbauwerke identifizieren, Bauteile rückbauen und praktische Erfahrungen mit der Wiederverwendung von Baumaterialien sammeln. Auf diese Weise entsteht schrittweise ein wachsendes Altholzinventar, das für Forschung und Lehre flexibel genutzt werden kann.





